Startseite> Ergebnisse und Artikel>Artikel zur Single-Studie
[Zur Studie] | [Artikel versenden]

Die „Generation Single“

Lonely Hearts und Toughe Typen

zur AuswertungIn der heutigen Zeit, in welcher lebenslange Ehen vom Aussterben bedroht sind und eine gestresste nine-to-five-Generation vorwiegend damit beschäftigt ist, Karriereleitern zu erklimmen, ist das Thema „Single“ ein Schlagwort in Medien und Gesellschaft geworden. Singlekühlschrank, Singlewaschmaschine, Singleportionen im Tiefkühlregal und Singlepartys sind das Resultat einer Entwicklung, die in unserer Gesellschaft immer mehr voranschreitet. Hat das Modell „Familie“ ausgedient? Stirbt die „Generation Golf“ am Ende aus? Wo lernt man den Partner fürs Leben kennen und wo den für nur eine Nacht?

 

[Artikel] sozioland, November 2004

Mehr als 1.000 Personen haben an der von sozioland präsentierten Umfrage zum Thema Single-Dasein teilgenommen und ihre Meinung mitgeteilt.

The Lonely Crowd?

Filme, Bücher, Zeitschriften und Fernsehsendungen machen das Thema „Single“ zum großen Motiv des neuen Jahrzehnts, aber es ist fragwürdig, ob die Medien diesen Trend wirklich entwerfen oder ihn nur publizieren. Die Mehrzahl der Umfrageteilnehmer glaubt nämlich, dass sich die Menschen einfach immer mehr als Singles verstehen. Nur wenige dagegen gehen von einer medialen Konstruktion dieses Trends aus. Das Singledasein gründet sich auf viele Faktoren, eine wirkliche Definition gibt es für diesen Zustand nicht. Für beinahe die Hälfte der Befragten sind Singles entweder autonome Persönlichkeiten, die diesen Zustand bewusst ausgewählt haben, berufliche Leistungshelden oder gar schlichtweg emanzipierte Frauen. Gemeine Lexika verstehen unter einem Single einen Menschen, der ohne feste Bindung an eine Partnerin bzw. einen Partner lebt. Dagegen ist „Alleinstehender“ ein statistischer Begriff für Einpersonen-Haushalte. Was hat es nun aber genau mit der Spezies „Single“ auf sich? Sind Singles einsam und sexuell frustriert oder sind es freiheitsliebende, egoistische Alleinlebende, die sich jeden Spaß gönnen? Hierauf weiß niemand eine allgemeingültige Antwort, da es eine solche gar nicht zu geben scheint, denn der Facettenreichtum des Single-Daseins kennt keine Grenzen. Viele Meinungen tendieren in die Richtung, dass Singles beziehungsunfähig seien, keine Rücksicht auf Mitmenschen nehmen wollen und über keine Kompromissbereitschaft verfügen, einfach frei sein wollen. Meinungen wie „Singles haben erkannt, dass die Zweierbeziehung langfristig gesehen nicht funktionieren kann“ und „Singles haben einfach kein Glück bei der Partnersuche“ waren ebenso vertreten wie außergewöhnlichere, ernüchternde Feststellungen wie „man kann auch in einer Ehe Single sein.“

Generation Golf

In seinem Essay „Die Generation Golf“ befasst sich Florian Illies mit dem Wertewandel, dem die jüngste Generation ausgesetzt ist. Sind nur diese Vertreter der ersten wirklichen Scheidungskindergeneration beziehungsgestört oder ist das egoistische Alleinseinwollen eine schleichende Krankheit, die unsere ganze Gesellschaft unterwandert? Haben die Wohlstandskinder des technisierten „Freizeitpark Deutschland“ nur deshalb keinen Sinn mehr für Beständigkeit und Treue, weil der „Glaubenskrieg zwischen Puma und Adidas“ und die Golf-Glorifizierung sie zu sehr vom Wesentlichen ablenkt? Tatsächlich brachte die Sozioland-Umfrage ans Licht, dass die Fraktion der politisch engagierten Gemüter in der heutigen Zeit nicht mehr in der ersten Reihe sitzt. Die verkabelte Internetgeneration des beginnenden 21. Jahrhunderts möchte sicher im Airbag-Buggy auf der Datenautobahn durch Leben geschunkelt werden, ist aber kaum mehr bereit, für Rechte und politischen Fortschritt zu kämpfen. Nur ein Zehntel der Umfrageteilnehmer befindet Politik als wichtigen Faktor des gesellschaftlichen Lebens. Trotz der Käseglocke, die sich über die „Nutella-Generation“ gestülpt zu haben scheint, beweisen die Umfrageteilnehmer eindeutig, dass ihnen Karrierebewusstsein nicht abhanden gekommen ist. Nur die Werte scheinen sich verschoben zu haben. Für die Mehrheit der Befragten hat Fleiß und Ehrgeiz absolute Priorität. Wie auch Florian Illies diagnostiziert, verdeutlicht die Umfrage, dass sich die Kinder der 68er-Generation wieder an Karriere, Geld und Freizeitspaß orientieren. Es ist eben ein großer Unterschied, ob man 1968 das Licht der Welt erblickte oder emphatisch Ho Chi Minh- und Rosa Luxemburg-Banner schwenkend durch Deutschlands Großstädte stapfte und gegen den Vietnamkrieg demonstrierte. Parolen wie „Phantasie an die Macht!" gibt es heute eher selten, aber einen Vorwurf dafür machen kann man deswegen trotzdem niemandem. Während sich die Studentenbewegung der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts an Parolen wie "Willst du Krieg im Frieden führen, musst den Notstand du probieren" orientierte, und dem Luxus zugunsten des Widerstands und der Standhaftigkeit entsagte, wird heute der luxuriöse Lebensstandart eindeutig favorisiert. Eine gehörige Portion Verantwortungsbewusstsein beweist allerdings auch die Generation der Bits & Bytes, indem sie in Ressorts wie beispielsweise dem Umweltschutz durchaus Engagement zeigt. „Es ist notwendig geworden, dass wir uns sorgsam überlegen, wo die Aufnahmefähigkeit unserer Gesellschaft erschöpft ist und wo soziale Vernunft und Verantwortung Halt gebieten.“ Dieses weise Statement Willy Brandts (Erinnerungen. Frankfurt am Main 1989) hat damals wie heute, in einer Zeit wo der Blick für eine gesunde Volkspolitik weitestgehend verloren gegangen ist, Gültigkeit.

Das Internet als Partnerbörse

Egal ob Young Professional mit wenig Freizeit, Strohwitwe/r ohne Mut, gefrustetes Scheidungsopfer oder eiserne Jungfrau - Vermittlungsportale im Internet, die dabei helfen, einen Lebenspartner zu finden, werden von Millionen von Deutschen genutzt und werden immer beliebter. Partnerbörsen wie neu.de haben nicht selten mehr als 1,5 Millionen registrierte Mitglieder. Ist das der richtige Weg, die Liebe fürs Leben zu finden oder nur eine bequeme Art, aus den verschiedensten Motiven Menschen kennenzulernen? Beinahe die Hälfte aller befragten Männer bekundete, auf diesem Wege vor allem eine/n Sexpartner/in finden zu wollen. Wie wir aber spätestens seit der amerikanischen Lifestyle-Soap „Sex and the City“ wissen, sind auch Frauen keine Unschuldslämmer, vielleicht geben sie es einfach nicht so gerne zu? Mit verdeckten Karten spielen zahlt sich ja schließlich nicht nur beim Pokern aus. Beinahe alle befragten Frauen haben sich jedenfalls schon einmal mit jemandem getroffen, den sie im Internet kennengelernt haben, bei den Männern sind es bedeutend weniger. Die Initiative bei dieser Form des Blind-Dates ergreift zumeist das vermeintlich schwache Geschlecht, Männer scheinen hier den schüchterneren Part zu übernehmen. Die Tendenz zur Verabredung zu einem ersten Treffen stellt sich im Durchschnitt erst nach einigen Wochen ein, wobei die ganz neugierigen sich bereits nach weniger als ein paar Tagen verabreden. Einige wenige besonders abenteuerlustige und ungeduldige geben an, sich bereits nach wenigen Tagen mit der Internet-Eroberung getroffen zu haben. Nur ein sehr geringer Prozentsatz der Befragten steht dieser Form des Kennenlernens wirklich ablehnend gegenüber.

Liebe auf den ersten Blick oder die Katze im Sack?

Wer Singleportale im Internet nutzt, kennt das Prozedere. Erst wird gechattet was das Zeug hält, dann werden Fotos ausgetauscht, wenn dieselben nicht schon in der Kontaktanzeige enthalten waren. Es wird telefoniert und es werden SMS und Emails geschrieben, wie fast alle Umfrageteilnehmer angeben. Aber ist die Person auf dem Foto auch diejenige, die man beim ersten Treffen vor sich sehen wird oder wird aus der ansehnlichen Dame im Pamela-Anderson-Look am Ende ein hässliches Entlein? Der Großteil der Befragten gibt an, bei den Angaben zur eigenen Person rundum ehrlich zu sein, der Rest gibt zu, bei den Angaben zum Aussehen hin und wieder ein wenig zu schummeln. Da wird mit Bildbearbeitungsprogrammen beschönigt, Urlaubsfotos aus dem letzten Jahrzehnt werden vorgezeigt und es kommt nicht selten vor, dass ein gänzlich fremdes Antlitz als Porträt herhalten muss. Nur sehr wenige der Befragten geben an, dass ihr Gegenüber in Wirklichkeit genauso war, wie er/sie sich ihn/sie vor dem ersten Treffen vorgestellt hatten. Durchschnittlich die Hälfte der Teilnehmer war trotz leichten Abweichungen aber dennoch positiv beeindruckt von ihrem Date-Partner. Ein Zehntel der befragten Männer der Altersgruppe über 30 hatten tatsächlich die Katze im Sack gekauft und waren enttäuscht von ihrer Traumprinzessin. Frauen ab 30 scheinen hier genügsamer zu sein, denn keine einzige der 1000 Befragten war wirklich enttäuscht, als sie ihrer Internetbekanntschaft gegenübertrat. Über die Hälfte der Befragten Männer und noch mehr der befragten Frauen würde ohne Vorbehalte wieder diese Art des Kennenlernens wählen, obwohl durchschnittlich ein Drittel davon ausgeht, dass die meisten Männer lügen, was ihr Aussehen angeht und einige wenige weitere sogar annehmen, dass es im Internet in erster Linie nur um Sex geht. Auch wenn sich die zahlreichen Möglichkeiten zur Partnerfindung im WWW großer Beliebtheit erfreuen, sind sich beinahe alle Befragten darüber im Klaren, dass das Internet nicht unbedingt der beste Ort ist, um die Liebe fürs Leben zu finden.

Meine Familie und Ich

Beinahe die Hälfte der Befragten ist der Überzeugung, dass man eine Familie braucht, um wirklich glücklich zu sein, nur wenige dagegen gehen davon aus, dass man alleine genauso glücklich sein kann. Viele sind sich in dieser Sache allerdings unsicher und meinen, dass es in jedem spezifischen Fall auf die Persönlichkeit ankommt, dass aber jeder Mensch auf ein intaktes persönliches Umfeld angewiesen ist. Wo aber findet man gute Freunde und im besten Falle sogar einen Partner? Mehr als die Hälfte der Umfrageteilnehmer gibt an, in der Vergangenheit zukünftige Partner meist im Bekanntenkreis kennen gelernt zu haben. Beinahe die Hälfte der Umfragteilnehmer setzt hier eher auf das Flirt-Flair im Nachtleben und viele verliebten sich in Kollegen und Kommilitonen am Arbeitsplatz, in der Schule oder an der Universität. Für die Liebe gibt es kein Rezept, deswegen sind auch Lokalitäten wie Einkaufscenter, Sportstudio, Sauna oder Aktivitäten wie Chatten im Internet, Kontaktanzeigen schalten oder Verkupplungsversuche von Freunden gute Alternativen, je nach Gusto und Interessenlage der Beteiligten. Beinhahe zwei Drittel der Teilnehmer haben bereits Singlebörsen im Internet oder Chatrooms zur Kontaktaufnahme genutzt. Egal ob Kino, Café, Theater, Disco oder Schwimmbad, „die Hauptsache ist, dass die Sonne scheint“, wie eine/r der Befragten sehr schön formulierte.

Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt

Wie muss der Traumpartner/in aussehen und welche Eigenschaften sollte er/sie haben? Die Körpergröße scheint im Gegensatz zur Gesamtattraktivität eher unwichtig. Für zwei Drittel der Befragten ist das Äußere allerdings von großer Bedeutung. In Fragen des Altersunterschieds stehen sich die Meinungen in nichts nach, hier greift anscheinend der Grundsatz „Liebe kennt keine (Alters)-grenzen.“ Alle waren sich darüber einig, dass der Charakter stimmen muss. Für nur zwei von mehr als 1000 Umfrageteilnehmern ist der Charakter nicht von Bedeutung. Auf den Beruf kommt es auch nicht wirklich an. Solange alles andere stimmt, scheint die Profession unwichtig. Ebenso wenig schauen Partnersuchende angeblich auf das Einkommen, denn beinahe die Hälfte der Teilnehmer gibt an, dass Geld Nebensache ist. Das Vorhandensein gemeinsamer Interessen dagegen wird wirklich groß geschrieben. Fast alle Umfrageteilnehmer erachten interessenbezogene Gemeinsamkeiten als äußerst wichtig. Nichts kommt aber der Charakterfrage so nah, wie die Treue. Beinahe alle Befragten stellen die Treue an oberste Stelle bei der Partnerwahl. Da es in unserer Gesellschaft kaum noch sexuelle Tabus gibt, sehnen sich anscheinend immer mehr Menschen nach Sicherheit, Geborgenheit und Vertrauen in einer Partnerschaft.

Die Typen-Matrix – Gordischer Knoten der Zweisamkeit?

In einer interaktiven Graphik haben die Statistiker von Sozioland unter anderem die Merkmale „Werte, Partnerwunsch und Typus“ abgebildet (zur Typen-Matrix). Anhand dieser Matrix lassen sich auf der Grundlage der Wertvorstellungen und der Partnerwahl die beiden Singletypen "leistungsorientiert" und "gemeinschaftsorientiert" definieren, um die herum sich die Merkmale der Selbsteinschätzung und Lebensphasen gruppieren. Der Darstellung liegt eine faktorenanalytische Berechnung der Meinungen der über 1.000 Befragten zugrunde. Hierbei wird deutlich, dass jeder Typus bestimmte Wertvorstellungen bezüglich der Charaktereigenschaften und Vorstellungen des idealen Lebenspartners hat. Der leistungsorientierte Typus besitzt gewisse materialistische Eigenschaften und achtet bei der Partnerwahl auf Werte wie Macht und Einfluss, Ehrgeiz und einen hohen Lebensstandard. Die äußerlichen Eigenschaften und Merkmale des sozialen Status des Wunschpartners wie Attraktivität, Körpergröße, Beruf und Einkommen sind bei ihm wichtige Auswahlkriterien. Der gemeinschaftsorientierte Typus bestätigt die Thesen der politisch-soziologischen Theorie, dass in der modernen Demokratie die materiellen Bedürfnisse der Bevölkerung soweit befriedigt sind, dass die Erfüllung immaterieller Notwendigkeiten, wie beispielsweise emanzipatorische, ökologische und ästhetische Werte, zunehmend relevanter wird. Diese postmaterialistische Einstellung äußert sich darin, dass dieser zweite durch die Umfrage ermittelte Typus eher ideellen Wertvorstellungen wie Streben nach Sicherheit, politischem Engagement und Umweltschutz den Vorrang gibt. Die gewünschten Charaktereigenschaften seines Wunschpartners sind dementsprechend wichtiger als Äußerlichkeiten, sodass Merkmale wie Treue, Alter, gemeinsame Interessen und Kinderwunsch für ihn im Vordergrund stehen.

Die Umfrage hat anschauliche Ergebnisse hervorgebracht, dennoch haben wir damit immer noch keine Backmischung, mit der man sich einen mustergültigen (Weck)Mann oder die perfekte (Lebkuchen)Frau backen kann. Die Typen-Matrix ist aussagekräftig, aber bedauerlicherweise keine Schatzkarte, die einem den Weg zur Schatztruhe weist, in welcher der gläserne Schuh zum Glück liegt oder der garstige Frosch umherhüpft, der sich durch einen kleinen, schnell getätigten Kuss zum Prinzen verwandelt. Doch wie sagt man so schön? „Für jedes Töpfchen gibt es (irgendwo) ein passendes Deckelchen“...(cb)

[Zur Studie] | [Artikel versenden]