Startseite Journal Artikel zur Studie "Weltaidstag 2008"


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Aids geht alle an – und jeden.

zur Auswertung Seit nunmehr 20 Jahren steht der 1. Dezember weltweit im Zeichen der roten Schleife. Sie ist ein Zeichen für die Solidarität und gegen das Vergessen. Mit zweifelhaftem Erfolg. Denn nach der aktuellen sozioland-Umfrage sind die Menschen zwar der Meinung, dass der Weltaidstag zum Nachdenken anregt, dennoch schützen sich weniger als die Hälfte der Befragten regelmäßig mit Kondomen. Der Ruf nach umfassender Aufklärung wird laut, aber wer soll dafür zuständig sein? Ganz einfach: Alle und jeder.

 

[Artikel] sozioland, Januar 2009

Im Zusammenhang mit dem seit 1988 stattfindenden Weltaidstag hat sozioland, das Meinungsportal der Respondi AG, von Mitte November bis Ende Dezember 2008 eine Umfrage zum Thema erstellt. Mehr als 1.500 Teilnehmer/innen in Deutschland, Österreich und der Schweiz nutzten die Gelegenheit, über den Weltaidstag, den Einfluss von Prominenten sowie ihre persönlichen Erfahrungen mit der Krankheit nachzudenken.

Auch Du, Brutus
Schon seit Jahren ist die Immunschwächekrankheit bekannt. Vor allem auch durch den Tod bekannter Aids-Opfer wie beispielsweise Rock Hudson, Keith Haring und Freddy Mercury rückt sie immer wieder in den Fokus des öffentlichen Interesses. Dennoch ist knapp ein Drittel aller Befragten der Meinung, dass das Thema HIV und AIDS sie persönlich nicht betrifft, der überwiegende Teil davon sind Frauen. Heterosexuelle sehen sich ebenfalls als weniger gefährdet, während die schwulen Teilnehmer sich offenbar ihres erhöhten Risikos bewusst sind. Nur 9% von ihnen fühlen sich nicht persönlich angesprochen.

Aufgemerkt!
Ziel des Weltaidstages ist es, die Menschen für das Thema Aids zu sensibilisieren. Aber klappt das auch? Knapp zwei Drittel der Befragten beantworteten dies mit ‚Ja’. So sehen 70% die Hauptfunktion des Gedenktags darin, im Allgemeinen auf die Aidsproblematik aufmerksam zu machen und daran zu erinnern, dass die Sache uns alle angeht. Interessanterweise scheint der Glaube an eine positive Wirkung mit zunehmendem Alter abzunehmen. Während noch 88% der unter 19-Jährigen denken, dass der Weltaidstag zum Nachdenken animiert, stimmen dem nur zwei Drittel der 19- bis 49-Jährigen zu; bei den Befragten über 50 waren es nur noch 59%.

Auf den Punkt gebracht
„Gemeinsam gegen Aids. Wir übernehmen Verantwortung. Für uns selbst und andere.“ Das deutsche Motto des Weltaidstags ist lang. Zu lang, wie einige der Befragten befanden. Dennoch finden 92% diesen Leitspruch ‚passend’ bzw. ‚sehr passend’. Unter den verbleibenden 8% waren es doppelt so viele Männer wie Frauen, die das Motto als unpassend empfanden.

Das Schweizer Motto „Ein Zeichen setzen – gegen Diskriminierung“ hingegen befand die überwiegende Mehrheit (97%) der Schweizer Teilnehmer/innen für gut. Allerdings stieß die allgemeingültige Formulierung nicht auf ungeteilte Zustimmung. Ein Befragter kommentierte es als „zu unspezifisch“, ein weiterer: „Es entspricht den üblichen Parolen und Formulierungen – vermutlich genau deshalb wird es auch nicht weiter auffallen.

Unterschiedlich gestalteten sich auch die Meinungen zum österreichischen Motto „Nicht alles Positive sieht man gleich“. Während einige der Befragten die Zweideutigkeit lobten, wurde sie von anderen als „zu komplex“ und nicht eingängig genug kritisiert. Auch die Sorge, dass Betroffene stigmatisiert würden, wurde laut. Dementsprechend findet dieses Motto mit insgesamt 85% postiver Bewertung den geringsten Zuspruch. Mehr noch als in Deutschland waren es die österreichischen Männer, die (viermal so oft wie die Frauen) das Motto für ‚unpassend’ bzw. ‚sehr unpassend’ hielten.

Prominente Helferlein
Unter anderem in Werbespots und als Spendensammler setzen die Organisatoren des Weltaidstags auf prominente Hilfe. Der deutsche Nationalspieler Phillip Lahm wirbt ebenso für Verständnis und gegen Diskriminierung, wie der Schweizer Skirennfahrer Didier Cuche und der österreichische Sänger Falco De Jong Luneau. Aber wie viel Einfluss können bekannte Persönlichkeiten wirklich ausüben? Im Schnitt war es gut die Hälfte aller Teilnehmer/innen, die glaubten, dass sie ‚große’ bis ‚sehr große’ Wirkung auf Bereiche wie Aufklärung, Spendenbereitschaft, Anti-Diskriminierung und die Aufmerksamkeit für AIDS in ärmeren Regionen haben. Demgegenüber stehen durchschnittlich 40% der Befragten, die ihnen ‚kaum’ bis ‚wenig’ Einfluss zusprechen. Im Allgemeinen sind es die Frauen, die den größeren Effekt vermuten.

Mach’s mit!
Wie weit Theorie und Praxis voneinander entfernt liegen können, wurde in dieser Umfrage besonders deutlich. Denn trotz des Wissens um die Infektionsmöglichkeiten und ihre Folgen, glauben mehr als die Hälfte der Befragten offenbar, sie selbst seien nicht gefährdet.

So gaben über die Hälfte aller Teilnehmer/innen, gleich welchen Geschlechts und gleich welcher sexueller Orientierung, an, dass sie sehr viel über die Gefahren, die Infektion und ihre Folgen wissen. 28% versicherten sogar, alles hierüber zu wissen. Mit nur einem Viertel aller heterosexuellen Teilnehmer/innen, hinken diese aber ihren homo- und bisexuellen Kollegen hinterher. Kein oder wenig Wissen räumten höchsten 1% aller Befragten ein.

Aber wie sieht es denn nun aus mit der Benutzung von Kondomen, dem sichersten Schutz vor einer Ansteckung mit dem HI-Virus? Hier lag der Anteil derjenigen, die grundsätzlich beim Geschlechtsverkehr ein Kondom benutzen mit 41% bei den schwulen Teilnehmern am höchsten. Bei den Bisexuellen waren es immerhin noch 37%, die Heterosexuellen lagen hier mit 24% der Fälle weit zurück. Obwohl knapp die Hälfte der schwulen und heterosexuellen Befragten in einer Beziehung auf das Verhüterli verzichtet, ist wohl das bedenklichste Ergebnis der Umfrage, dass immer noch 6% aller Befragten generell kein Kondom benutzen.

Verantwortung für alle
Ausführliche und detaillierte Information über HIV und Aids tut also offenbar immer noch Not. Bei der Frage, wer eine umfassende Aufklärung leisten sollte, lautete die vorherrschende Meinung „Alle – und jeder selbst“. Die große Mehrheit der Teilnehmer/innen sieht in erster Linie Schulen/Universitäten (76%), Aidshilfen (68%), Ärzte (68%) und die Medien (64%) in der Verantwortung. Vor allem von den homosexuellen Befragten wurde auch die Aufklärung durch Schwulen-Lesben-Organisationen gewünscht. Darüber hinaus wurde aber immer wieder mit Nachdruck betont, dass sich auch zusätzlich jeder selbst informieren müsse. Wie ein Teilnehmer schrieb: „Letztlich ist jeder für sich selbst verantwortlich. Ich kann nicht alle Verantwortung auf andere Stellen verlagern und ich muss auch Verantwortung für mich selbst und meinen Partner/meine Partnerin übernehmen.“

Geld regiert die Gesundheit
Welche Motivation braucht es, um den Menschen HIV-Tests schmackhafter zu machen? Geld scheint eine Antwort zu sein. Eine Übernahme der Kosten durch die Krankenkasse in Verbindung mit der Möglichkeit, den Test beim Hausarzt durchführen zu lassen, wird von Drei Viertel der Befragten durchaus als Anreiz gesehen. 32% glauben, dass ‚einige’ Menschen mehr, diese Möglichkeit nutzen würden, 42% sogar, dass es ‚deutlich mehr’ wären. Hier liegen die Erwartungen vor allem der schwulen Teilnehmer (5% vermuten, dass die Anzahl der durchgeführten Tests sogar zurückginge) allerdings hinter denen der heterosexuellen (1%) zurück.

Die Frage der Schuld
Wem kann man aber nun die Schuld geben? Nicht jede Infizierung mit dem HI-Virus erfolgt durch ungeschützten Geschlechtsverkehr. Die Ursachen können vielfältig sein. Transfusionen mit verunreinigten Blutkonserven und eine infizierte Mutter, die den Virus auf ihr ungeborenes Kind überträgt, sind nur zwei Beispiele. In der Umfrage überwog das Mitgefühl mit den Betroffenen bei weitem den moralischen Zeigefinger. Lediglich 16% aller Teilnehmer/innen waren der Meinung, dass die meisten HIV-Infizierten und Aids-Kranken selbst schuld seien an ihrer Krankheit. Gut ein Viertel enthielt sich eines Urteils, während etwas über die Hälfte die Schuld nicht bei den Betroffenen selbst sah. Es war nur eine schwache Tendenz, aber es waren die heterosexuellen Befragten, die eher bereit waren, die Schuld bei den Infizierten selbst zu suchen.

Ein Blick in die Zukunft
30% der Befragten sind der Überzeugung, dass es schlimmere Krankheiten als Aids gibt. Allerdings sieht die Mehrheit der Möglichkeit eines baldigen Heilmittels skeptisch entgegen. Über die Hälfte glauben, dass es bis dahin mehr als 10 Jahre dauern wird, 11% denken sogar, dass nie eins gefunden wird.

Festzuhalten bleibt, dass der Weltaidstag auch nach 20 Jahren noch zeitgemäß ist. Denn mit 3.000 Neuinfizierten 2008 allein in Deutschland bleibt das Thema AIDS so aktuell wie eh und je.


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