[Artikel] sozioland, Oktober 2008
Zwischen Anfang Juni und Mitte September 2008 befragte sozioland, das Online-Meinungsportal der Respondi AG, wieder rund 3.300 Personen zu den diesjährigen CSDs. Außerdem wurden Fragen zum Bild von Les-Bi-Schwulen in der Öffentlichkeit und zum Thema homosexuelle Promis gestellt.
Spaß statt Politik
Obwohl sich die Wurzeln des CSD in einem New Yorker Schwulenaufstand finden, steht für drei Viertel der Umfrageteilnehmer/innen der Spaß deutlicher im Vordergrund als politisches Engagement. Weiterer Anreiz für den Besuch ist Präsenz zu zeigen (71%) und Freunde und Bekannte zu treffen (63%). Für Heterosexuelle ist es zudem sehr wichtig Solidarität mit sexuell anders orientierten zu demonstrieren.
Trotz der augenscheinlichen Politikverdrossenheit der Befragten glauben immerhin 50%, dass die Regenbogenveranstaltungen die Politik in Bezug auf les-bi-schwule Fragen positiv beeinflussen.
Mehr Toleranz durch CSDs
Mit lauter Musik und schrillen Outfits erregen die Regenbogenparaden jedes Jahr von neuem Aufsehen. Dass dieses positiv wahrgenommen wird und zudem einen vorteilhaften Einfluss auf die gesellschaftliche Akzeptanz Homo- und Bisexueller hat, davon sind mehr als drei Viertel der 25- bis 39-Jährigen Umfrageteilnehmer/innen überzeugt. Bei den über 40-Jährigen hingegen glauben nur noch knapp zwei Drittel an eine positive Wirkung der CSDs.
Der Mehrheit zum Trotz sind 30% aller Befragten der Überzeugung, dass die Paraden gar nichts bewirken bzw. sich eher negativ auf die Akzeptanz auswirken.
Prominente Aushängeschilder
Viele Prominente bekennen sich heute öffentlich zu ihrer Homosexualität. Auf den ersten Blick erscheint dies wie eine Errungenschaft, die das Bild von Lesben und Schwulen positiv beeinflusst. Doch wird tatsächlich jeder homosexuelle Prominente als positiver Vertreter der Gay-Community betrachtet?
Auf die Frage, welcher Promi in den vergangenen 12 Monaten dazu beigetragen hat, das Bild von Homo- und Bisexuellen in der Gesellschaft positiv zu beeinflussen, wurden die ARD-Moderatorin Anne Will und der Comedian Hape Kerkeling mit jeweils 34% auf die vorderen Plätze gewählt. Als Negativbeispiele sehen die Befragten in erster Linie den DSDS-Gewinner Mark Medlock (28%) und den Entertainer Bruce Darnell (16%). Dies lässt annehmen, dass die Seriosität beim Auftritt der Promis ein wichtiges Kriterium für ihren gesellschaftlichen Einfluss ist.
Prominentes Coming-Out
Der Großteil der Befragten (95%) ist der Überzeugung, dass ein öffentliches Coming-Out prominenter Persönlichkeiten förderlich für das Image von Lesben und Schwulen in der Gesellschaft sei. Lediglich 12% der Heterosexuellen empfinden solche Outings als hinderlich.
Dennoch oder gerade deswegen zeigen sich knapp zwei Drittel der Umfrageteilnehmer/innen als Gegner/innen öffentlich erzwungener Coming-Outs. Der Grundkonsens ist, dass es jeder/jedem selbst überlassen bleiben soll, wie sie/er mit ihrer/seiner Sexualität umgeht.
Interessanterweise fordern immerhin 20% der bis 18-Jährigen von Promis, sich öffentlich zu ihrer Homosexualität zu bekennen. Nur 13% der les-bi-schwulen Teilnehmer/innen sehen dies ähnlich.
Eigenes Coming-Out
Was das eigene Coming-Out betrifft haben über 85% der Befragten positive Erfahrungen gemacht. Nur bei 3% der Teilnehmer/innen wurde das öffentlich Machen der sexuellen Neigung negativ aufgefasst. Allerdings scheint ein Outing eher für Lesben und Schwule wichtig zu sein, von den befragten Bisexuellen haben sich über 25% bisher noch niemandem anvertraut.
Anlaufstelle Nummer eins diesbezüglich sind Freunde (97%) und Eltern (88%). Und während sich zwei Drittel sogar in der Schule und auf der Arbeit offen zu ihrer Sexualität bekennen, mochten bisher nur 35% ihre Großeltern damit konfrontieren.
Mahnmal gegen Ausgrenzung
Vor wenigen Monaten wurde in Berlin ein Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen eingeweiht. Neben der Erinnerung an die Opfer, soll das Denkmal auch "ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzen."
Knapp zwei Drittel aller Teilnehmer/innen glauben, dass ein solches Mahnmahl zumindest ein wenig gegen die Ausgrenzung Schwuler und Lesben hilft. Aufgeschlüsselt nach sexueller Orientierung glauben dies ebenfalls zwei Drittel der les-bi-schwulen Befragten, während über die Hälfte der befragten Heteros dem Mahnmahl gegenüber eher pessimistisch eingestellt ist.
Weniger Optimismus bei Heteros als bei Homos
Insgesamt lässt sich festhalten, dass die les-bi-schwulen Teilnehmer/innen bezüglich der Verbesserung gesellschaftlicher Akzeptanz (durch die CSDs, Promi-Outings und durch das Mahnmal) tendenziell optimistischer sind als die heterosexuellen Befragten. Berechtigter Realismus oder Schwarzmalerei seitens der Heteros?
Wie auch immer, nur wer an Veränderungen glaubt, kann auch wirklich was erreichen. Also ihr Heten! Ein wenig mehr Zuversicht und Optimismus!
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